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Das Seelenhaus (Hannah Kent)

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Hannah Kent hat mit „Das Seelenhaus“ eine Geschichte erzählt, zu der ich meine Meinung gar nicht so recht in Worte fassen kann.

Die Isländerin Agnes Magnúsdóttir wird beschuldigt, gemeinsam mit einer anderen Magd und einem Bauernsohn, im Jahre 1828, zwei Männer auf grausame Art und Weise ermordet zu haben. Die drei Beschuldigten sollen schließlich im Jahr darauf für ihre Vergehen hingerichtet werden. Agnes verbleibt bis zu ihrer Hinrichtung auf dem Kornsáhof im Tal von Vatnsdalur, unter Aufsicht des Dienstmannes Jón und seiner Familie, in Verwahrung. Die junge Frau, deren Schicksal nach den Ereignissen in der Mordnacht besiegelt ist, wird auf dem Hof als Magd arbeiten, bis die Hinrichtung stattfinden wird. Und nachdem ihr lange Zeit niemand zuhören wollte, kann die wortkarge Agnes erst viel zu spät erklären, was eigentlich wirklich passiert ist.

Während mir beim Lesen vor allem die fremden, ausländischen Namen sehr sperrig im Mund und auf der Zunge lagen, ist auch der Aufbau des eigentlichen Buches zunächst einmal recht ungewöhnlich. Neben alten, amtlichen Dokumenten und Briefen, deren Abdrucke die Hintergründe und den zeitlichen Rahmen des Prozesses um Agnes Magnúsdóttir erklären und darstellen, wird die Geschichte sowohls teils aus Agnes‘ Sicht als auch aus der eines allwissenden Erzählers geschildert. Alle drei Komponenten haben sich für mich perfekt zusammen gefügt und ein harmonisches Gesamtbild ergeben. Vor allem Agnes, deren Passagen von einem so klugen, klaren und schönen Geist zeugten, den man ob ihrer allgemeinen, wortkargen Beschreibung nicht vermuten würde, hat mich nachdrücklich beeindruckt. Gerade in den Kapiteln, die aus ihrer Sicht geschrieben waren, habe ich mir etliche Zitate markiert und viele bezaubernde Sätze finden können. Die Tatsache, dass sie nie die Chance hatte, ihre Geschichte so zu erzählen, wie sie tatsächlich geschehen ist, macht ihr im Verlaufe des Buches zu schaffen. Nur sehr langsam gelingt es der Familie, auf deren Hof sie verwahrt ist, und dem Pfarrvikar Tóti, Agnes ihre Vergangenheit zu entlocken.

Ich esse Steine, ich breche meine Zähne, und sie sprechen trotzdem nicht mit mir. Nur der Wind. Nur der Wind spricht, aber es ergibt keinen Sinn, er schreit wie ein Witwer der Welt, und er wartet nicht auf Antwort. (Zitat, S. 365)

Man erfährt immer neue Aspekte aus Agnes Leben, kleine Brotkrumen, die ihre Spur kennzeichnen – von ihrer Kindheit als Waisenkind, durch das schwere, trostlose Leben als Magd und Mündel, über ein gebrochenes Herz bis hin zu der schicksalshaften Nacht und der bevorstehenden Hinrichtung. Dabei ist es wunderschön und herzzerreißend zugleich, wie Agnes langsam Vertrauen zu Margrét (der Dame des Hofes), zu den Töchtern, dem ihr zugeteilten Pfarrvikar Tóti und am Ende sogar zum strengen, abweisenden Hofbesitzer Jón aufbauen kann. Herzzerreißend, weil man bereits zu Beginn weiß, dass die zarten Knospen der Hoffnung, die in Agnes während der Verwahrung aufkeimen, dazu bestimmt sind, zerstört zu werden.

Ein grausames Geschenk: so viel Zeit, um mich von allem zu verabschieden. Warum sagen sie mir nicht, wann ich sterben muss? […] Mein Todesurteil neben der Alltäglichkeit auf dem Hof ist wie ein Stich ins Herz. Vielleicht hätten sie besser daran getan, mich auf Stóra-Borg zu lassen. Ich wäre dort vielleicht schon verhungert. Mein Äußeres wäre längst schlammverkrustet, mein Inneres randvoll mit Kälte und Hoffnungslosigkeit, und mein Körper hätte gewusst, dass er dem Tod geweiht ist, und womöglich sich selbst aufgegeben. (Zitat, S. 282)

Alles in allem ist die Geschichte so wunderbar unaufgeregt, aber so randvoll mit Dingen, die erzählt, die gehört werden wollen, dass ich das Buch nicht zur Seite legen konnte. Das macht es mir schwer. Das ist wie ein Krimi, dessen Auflösung auf der ersten Seite stattfindet. Ein Drama, dessen Ausgang direkt zu Beginn bewusst wird. Und trotzdem ist man gespannt auf das Ende, überrascht, von dem, was man entdeckt und erfährt.

Es ist auf jeden Fall ein ganz außergewöhnliches Buch, dass ich mit Sicherheit nicht zum letzten Mal gelesen habe. Eins von denen, die auch nach dem Lesen noch lange im Kopf und im Herz bleiben.

Das Buch ist beim Droemer Knaur Verlag mit der ISBN 978-3-426-30484-6 erschienen und kann dort für 9,99€ gekauft werden.

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2 Kommentare zu „Das Seelenhaus (Hannah Kent)

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