Rezensionen

Tausend strahlende Sonnen (Khaled Hosseini)

Tausend strahlende Sonnen

Nur wenige Bücher haben es bisher geschafft, mich weinend und erschüttert zurück zu lassen, nachdem ich sie ausgelesen hatte. „Tausend strahlende Sonnen“ gehört auf jeden Fall dazu.
Khaled Hosseini erzählt in leisen, bewegenden Tönen eine Geschichte von Freundschaft, Gewalt, Vertrauen und aufopferungsvoller Liebe, die bis in den Tod geht.

Mariam hat eine Kindheit, die sich durch das Warten auf ihren unzuverlässigen, für sie aber fast gottgleichen Vater auszeichnet. Obwohl ihr ihre Mutter, die mit Mariam ein uneheliches Kind gebar davon abrät, folgt sie dem Vater und muss schließlich erkennen, dass ihr Bild von ihm verzerrt und illusorisch war.
Als Spielball zwischen seelischer Grausamkeit, Reue, Schuld und Wut hin und her geworfen wird die 15 jährige Mariam schließlich mit dem 30 Jahre älteren afghanischen Schuhmacher Raschid verheiratet. Ihr Martyrium beginnt, Raschid ist dominant und gewalttätig. Trotz aller Hoffnung, erleidet Mariam inmitten von Verzweiflung, Schmerz, Angst und Gewalt mehrere Fehlgeburten und schürt damit den immer größeren Hass ihres Mannes und festigt schließlich sein Desinteresse, als klar wird, dass sie ihm niemals einen Sohn gebären wird.
Nach vielen Jahren unglücklicher Ehe wendet sich Raschid einer neuen, jüngeren Frau zu. In Laila manifestiert sich für Mariam zunächst alle Wut und Grausamkeit, die sie selbst erfahren musste, und die sich in ihr aufgestaut hat. Stumpfte sie unter Raschids Herrschaft zuerst ab und starb ihre Seele jeden Tag ein Stückchen mehr – mit Lailas Auftritt und ihrem Einzug in das Haus erwacht Mariam aus ihrer Lethargie und kämpft um ihren Platz. Während Laila Raschid zuerst ein Mädchen und schließlich seinen langersehnten Sohn schenkt, begehren die beiden Frauen stumm gegeneinander auf. Erst das Leid der kleinen Aziza, die von ihrem Vater im Gegensatz zum jüngeren Bruder verachtet, misshandelt und gehasst wird, schweißt Mariam und Laila schließlich zusammen.
In lautlosem Einvernehmen lernen sich die Raschids ungleiche Frauen lieben, vertrauen und sind bald in so tiefer Freundschaft verbunden, dass Aziza in beiden eine Mutter findet. Raschids Gewalt hingegen nimmt immer stärker Überhand, gestützt durch den Stolz und die Verehrung seines Sohnes, der schon bald ganz nach ihm kommt.
Zahlreiche Gegebenheiten führen zu einer und schließlich gipfelt das Elend der beiden Frauen und ihrer Tochter in einem finalen Szenario, das zugleich Hoffnung als auch Endgültigkeit bedeutet.

Hosseini versteht es kunstvoll, den primären Handlungsstrang, Mariams Geschichte, mit einem zweiten, zunächst hintergründigen, später dann neuen Hauptstrang zu verweben.
Er erzählt von Lailas Jungend – einem Kind, das für die Mutter als Ersatz für die zwei älteren toten Brüder herhalten muss und vom Vater tiefe Liebe und Fürsorge erfährt. Man lernt Tarik kennen, Lailas Jugendliebe und wie auch schon während Mariams Geschichte, sind die Tödlichkeit und die Zerstörung des Krieges allgegenwärtig.

Nachdem Mariams, Lailas und Azizas gemeinsame Geschichte schließlich ein Ende findet, und sich die Frauen voneinander trennen müssen, führt Housseini den Leser mit Lailas Geschichte in den zweiten Teil des Buches. Aus der gebeutelten, gebrochenen Frau und wird gemeinsam mit Tarik, den sie trotz aller Wirrungen des Krieges wieder findet, eine starke, selbstbewusste Mutter, die lernt, für sich selber einzustehen und zu kämpfen.

Hosseini hat mit „Tausend strahlende Sonnen“ ein Werk geschaffen, das wachrüttelt, zerstört, müde macht, Hoffnung schenkt, Verzweiflung zeigt, und die Augen öffnet. Frauen- und Menschenrechte werden tagtäglich aus unterschiedlichsten Gründen korrumpiert und mit Füßen getreten. Der Autor will die Leser zum Denken und vor allem zum Handeln animieren und versteht dies mit so leisen Worten zu tun, dass die Stille fast schon unerträglich ist.
Obwohl der Anfang des Buches holprig und an manchen Stellen zu Anfang verwirrend und nicht gleich verständlich ist, lohnt es sich definitiv, weiterzulesen. Denn kurz darauf nimmt die Geschichte Fahrt auf, und reißt den Leser mit – in die oft diskutierte, aber eigentlich völlig fremde Welt Afghanistans und seines Volkes. Sie beschreibt eine familiäre Diktatur, die Schändung von Leib und Leben, die Brutalität einer Kultur, die eigentlich so viel mehr ist, es aber durch all ihre Umstände kaum zeigen kann.

Ich lege dieses Buch jedem Leser ans Herz, der es versteht auch zwischen den Zeilen lesen zu können. Mitleid und Menschlichkeit sind hier ebenso wichtig wie ein realistisches Verständnis für die Abgründe der menschlichen Psyche. Der Roman beschreibt grausame Szenarien, aber auch ebenso so viele fantastische Einblicke in das Leben afghanischer Bürger und ihrer Kultur und Religion.

Ich empfehle das Buch auf jeden Fall weiter und hoffe, es bewegt euch genauso sehr wie mich. Je mehr Menschen solch aufklärende Literatur lesen, desto eher ist es vielleicht möglich, endlich das Denken und Handeln kriegerischer Nationen zu bewegen und beeinflussen.

Das Buch ist beim FISCHER Verlag mit der ISBN 978-3596030934 erschienen und kann bei Amazon für 9,99€ gekauft werden.

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